Helmuth Schönauer über „Blutballaden“

Die Regionalgeschichte wirkt umso verlorener, je weiter zurück sie in der Dunkelheit liegt. Wenn eine Gegend nicht eine saftige Schlacht oder ein paar einäugige Helden aufweist, tut sie sich verdammt hart, eine unsterbliche Bedeutung für die Geschäfte der Gegenwart nachzuweisen.
Tobias Pamer nimmt in seinem historischen Roman „Blutballaden“ seine engere Heimat Tarrenz, Starkenberg und Imst ins sprichwörtliche Visier, denn in den Jahren rund um 1405 lugen nur noch die wenigsten Kämpfer unter der Ritterrüstung hervor. In seinem Nachwort, das als eine Gebrauchsanweisung für den Roman zu lesen ist, beschreibt der Autor sein Erzähl-Konzept. Er hat aus einer Menge von Quellen geschöpft und daraus eine Geschichte des Tiroler Gurgltals an der Zeitenwende nach dem Niedergang des Rittertums komponiert. Alle Figuren und Fakten, wie etwa Oswald von Wolkenstein, sind historisch belegt, einzig die Figur des Ich-Erzählers Konrad von Gebratstein ist erfunden, damit sich eine Art Innenperspektive jener Zeit darstellen lässt.
Gebratstein ist im Prinzip ein Wohnturm, gerade groß genug, um darin eine erzählende Sippschaft unterzubringen. Der Ich-Erzähler berichtet kompakt und wie zu einer ZIP-Datei komprimiert von seiner Ausbildung zum Schwertkämpfer, dem jähen Tod seines Vaters, dem fröhlich-belauernden Verhältnis zu seinem älteren Bruder und der tragischen Liebe zur Frau seines besten Freundes. Das wurmt ihn ordentlich, dass er, der das Rittertum anhand der Schriften des Gottfried von Straßburg aufgesogen hat, so einen Patzer in der Minne hinlegen muss, wie die strategische Erotik damals genannt wird.
Tirol wird plötzlich vom Sog der Weltgeschichte mitgerissen, die Habsburger reiten 1405 gegen Appenzell und rekrutieren zu diesem Zweck alles, was sich ihnen auf der Anreise anbietet. So kommt auch der Ich-Erzähler zu seiner Schlacht am Stoss, gilt eine Zeitlang als verschollen und taucht dann wieder überraschend zu Hause auf seinem „Giatl“ auf. Aber die Welt ist unruhig geworden, die Ritterausbildung nützt nichts mehr gegen die Verelendung des Volkes, alles steuert auf einen Umbruch zu, den der Einzelne nicht stemmen kann.
Tobias Pamer erzählt vor allem kompakt und verdichtet. Die historischen Ereignisse und die Fiktion im Innern des Protagonisten gehen nahtlos in einander über. Dialoge, Analysen und Handlungsstrategien haben oft in einem fetten Absatz Platz, der sich freilich über Seiten erstrecken kann. Was auf den ersten Blick das Leserauge als quälend empfindet, nämlich die absatzlose Erzählwurst, erweist sich nach einer gewissen Gewöhnung als kluges Erzählmittel: Zwischen Sein und Schein, ritterlicher Bildungsvorgabe und chaotischem Zeitgeist gibt es keine Pause, alles geschieht atemlos und ununterbrochen. – „Blutballaden“ ist ein kluger Versuch, ein Stück Regionalgeschichte im Windkanal der Weltgeschichte zu erzählen.

Tobias Pamer: Blutballaden. Tirols vergessene Epoche.
Neckenmarkt: novum 2015. 264 Seiten. EUR 16,90. ISBN 978-3-99200-127-9.
Tobias Pamer, geb. 1995 in Tarrenz, lebt in Innsbruck.
Helmuth Schönauer 15/07/15

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